Update: Fachkräftemangel in Deutschland 2021

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Fachkräftemangel ist nicht gleich Fachkräftemangel. Neben regionalen, branchen- und berufsgruppenspezifischen Unterschieden zeigt die Entwicklung von Engpassberufen über die Zeit eine gewisse Dynamik. Es mag viele geben, die den Begriff „Fachkräftemangel“ nicht mehr hören wollen – zulange thematisieren die Wirtschaft und die Politik das Problem und es scheint keine Besserung zu geben. Und doch sollten UnternehmerInnen die Entwicklung der Fachkräftesituation in ihrer Region und für ihren Wirtschaftszweig im Blick behalten, wenn es ihnen mit einer mittel- bis langfristigen Personalplanung für die eigene Firma ernst ist. 

Das ifo Institut erhebt regelmäßig den ifo Geschäftsklimaindex auf Basis von Konjunkturumfragen. Hieraus leitet sich auch das KfW-ifo-Fachkräftebarometer ab, welches darüber Auskunft geben soll, in wie weit der Fachkräftemangel in Unternehmen deren Geschäftstätigkeit beeinträchtigt.

Fachkräftemangel weitaus häufigeres Produktionshemmnis als vor der Pandemie

43 % aller befragten Unternehmen des KfW-ifo-Fachkräftebarometers schätzen im Oktober 2021 ihre Geschäftstätigkeit aufgrund des Fachkräftemangels als beeinträchtigt ein. Ein Jahr zuvor betrug der Anteil rund 19 %, wobei sicher zu berücksichtigen bleibt, dass im 4. Quartal 2020 Corona bedingt viele Unternehmen eher vorsichtig bei der Suche nach Personal agierten.

Statistik: KfW-ifo-Fachkräftebarometer in Zahlen
https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-KfW-ifo-Fachkr%C3%A4ftebarometer/KfW-ifo-Fachkraeftebarometer_2021-11.pdf?kfwnl=Research.19-11-2021.1295335

Und doch ist die Einschätzung, dass fehlende Fachkräfte die Geschäftstätigkeit behindern, in verschiedenen Wirtschaftszweigen alarmierend.

Im verarbeitenden Gewerbe wie der Metallerzeugung und -bearbeitung verdreifacht sich die Einschätzung innerhalb eines Jahres. In der durch Pandemiebedingungen ohnehin schon schwer angeschlagenen Gastronomiebranche beurteilen fast drei von vier Unternehmen (72,1%) die Einschränkungen der Geschäftstätigkeit durch fehlendes Personal als erheblich.   

Die Fachkräfteengpässe bei Qualifizierten werden größer

Die Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) im Herbst 2021 unter rund 23.000 Unternehmen verdeutlicht ein weiteres langjähriges Problem.

Die Akademisierung der Berufswelt und der tatsächliche Bedarf an Fachkräften mit dualer Berufsausbildung lassen die Kluft zwischen Angebotsnachfrage und -angebot auf dem Arbeitsmarkt weiterwachsen. Seit 2013 verzeichnet das deutsche Bildungssystem mehr Studienanfänger und Studienanfängerinnen als neue Auszubildende in der dualen Berufsausbildung.

Statistik: Für welches Qualitätsniveau suchen Sie ohne Erfolg Arbeitskräfte?
DIHK-Report Fachkräfte 2021
https://www.dihk.de/resource/blob/61638/9bde58258a88d4fce8cda7e2ef300b9c/dihk-report-fachkraeftesicherung-2021-data.pdf

In Unternehmen der Industrie und Bauwirtschaft, die ohnehin ihre Stellen längerfristig nicht besetzen können, wächst der Bedarf an Absolventinnen und Absolventen der dualen Ausbildung stetig weiter. Gesamtwirtschaftlich stieg die Nachfrage nach Qualifizierten mit dualem Berufsabschluss um 8 % im Zeitraum von 2018 bis 2021.

MINT-Arbeitskräftelücke im Oktober 2021

Laut INSTITUT DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT (IW Köln) betrug das Verhältnis der offenen Stellenangebote zur Zahl der Arbeitslosen aus MINT-Berufen 146 % im letzten Quartal 2021.

Betrachten wir hierbei noch das Qualifikationsniveau bei MINT-Berufen, so beträgt der Nachfrageüberhang im bundesweiten Durschnitt:

  • 17 % bei den MINT-Ausbildungsberufen
  • 38 % bei den MINT-Spezialisten und
  • 24 % bei den MINT-Expertentätigkeiten.

Auch die absoluten Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache im Sinne eines Engpasses bei Fachkräften. Das IW Köln resümiert: „Im Oktober 2021 lagen in den MINT-Berufen insgesamt rund 460.900 zu besetzende Stellen vor. Gleichzeitig waren bundesweit 186.984 Personen arbeitslos gemeldet, die gerne einem MINT-Erwerbsberuf nachgehen würden. Daraus lässt sich in einem ersten Schritt im Rahmen einer unbereinigten Betrachtung ableiten, dass über sämtliche Anforderungsniveaus bundesweit mindestens 273.900 offene Stellen in MINT-Berufen nicht besetzt werden konnten.“ (MINT-Herbstreport 2021, IW Köln)

Deutschland ist sicherlich nicht flächendeckend von einem Fachkräftemangel betroffen. Engpässe wie in der Baubranche, bei technischen Berufen sowie bei Gesundheits- und Pflegeberufen lassen sich allerdings in fast allen Regionen nicht leugnen.

Vielleicht ist der Fachkräftemangel in Großstädten und Großunternehmen noch nicht so wahrnehmbar, dafür leiden kleinere und mittlere Unternehmen umso mehr an einer unterdurchschnittlichen Zahl von Bewerbungen, geringem Bekanntheitsgrad oder Standortnachteilen gegenüber städtischen Ballungszentren. Umso bedeutender wird es heute und in Zukunft für diese Unternehmen sein, in Sichtbarkeit auf dem Arbeitsmarkt, eine wertschätzende Unternehmenskultur und in die Attraktivität der eigenen Region zu investieren.

Fragen und Antworten zum Thema:

  1. Was heißt eigentlich Fachkräftemangel?

    Die Arbeitsmarktforschung spricht von Fachkräftemangel, wenn es im Verhältnis zur Arbeitsnachfrage (Stellenangebote) zu wenige passend qualifizierte Arbeitskräfte bzw. zu wenige den Anforderungen entsprechend qualifizierbare Arbeitskräfte gibt. Dabei sollten qualifizierte Arbeitskräfte eine mind. zweijährige anerkannte Berufsausbildung oder ein ordentliches Studium abgeschlossen haben.

  2. Wie definiert die Bundesagentur für Arbeit (BA) einen Fachkräfteengpass?

    Die BA berücksichtigt zur Berechnung des Fachkräfteengpasses neben der Anzahl offener Stellenmeldungen und der Zahl der Arbeitslosen auch Kriterien wie Vakanzzeiten bei offenen Stellen, Vergütungsstrukturen und branchenspezifische Altersstruktur.

    Indikatoren zur Bestimmung von Engpässen sowie Risiko- und Ergänzungsindikatoren:

    Engpassindikatoren: Vakanzzeit (Median), Arbeitsuchenden-Stellen-Relation, Berufsspezifische Arbeitslosenquote, Veränderung des Anteils sozialversicherungspflicht. Beschäftigung von Ausländern, Abgangsquote aus Arbeitslosigkeit, Entwicklung der mittleren Entgelte

    Risikoindikatoren: Veränderung des Anteils älterer Beschäftigter (60 Jahre und älter), Anteil unbesetzter Ausbildungsstellen an allen gemeldeten Ausbildungsstellen, Absolventen-Beschäftigten-Relation, Substituierbarkeitspotenzial (IAB)

    Ergänzungsindikatoren:
    Berufliche Mobilität, Arbeitsstellenbestandsquote, Teilzeitquote, Selbständigenanteil

Foto von Yury Kim von Pexels

Mein Tipp für Unternehmer*innen

Eine vorausschauende Personalplanung sollte nicht nur Aufgabe von Großunternehmen sein und ist natürlich davon abhängig, wo Sie Ihr Unternehmen in den kommenden Jahren hin entwickeln möchten. Machen Sie sich ein Bild von der aktuellen Fachkräftesituation in Ihrer Region und planen Sie ihren Personalbedarf langfristig. Nutzen Sie Lücken, in dem Sie sich für Quereinsteiger öffnen und starten Sie Ihre Personalsuche nicht erst mit Renteneintritt Ihrer Mitarbeiter*innen.